Analogiesch(l)üsse - Theorie im Blick

Max Orlich

Photographie / Soziologie / Journalismus

 

Analogiesch(l)üsse - Theorie im Blick

Ein theoretischer Stadtspaziergang. Gebrauchsanweisung

 

Früh morgens, beim Verlassen des Hauses, wenn der Abfall vom Vorabend noch aus den Mülltonnen quillt oder am Straßenrand liegt, macht sich der Spaziergänger auf den Weg und sucht ein Café, in dem er frühstücken könnte. Dann setzt er seinen Spaziergang fort, nimmt später einen stärkenden Mittagssnack zu sich, gelangt zur Uni-Bibliothek und von dort aus ins Theater, um am Abend wieder im eigenen Zuhause anzukommen.

 

Einen solchen Stadtspaziergang kann man anhand der Fotografien dieser Edition nachverfolgen, neu durchleben oder auch in einer ganz anderen Reihenfolge absolvieren. Festgelegt sind nur die 23 Beobachtungsposten, die für die 23 Jahre stehen, die Wolfgang Eßbach in Freiburg an der Universität als Professor tätig war. Ihm ist dieses Kunstprojekt gewidmet.

 

Der Stadtspaziergang ist ein theoretischer. Er könnte so, aber eben auch ganz anders aussehen. Theoretischen Charakter hat er auch, weil er physisch nicht zu bewältigen wäre: Fotos aus Freiburg mischen sich mit solchen aus Köln oder auch Paris. Es ist eine fiktive, zusammengesetzte Stadt und es ist ein fiktiver, zusammengesetzter Stadtspaziergang. Der Spaziergänger lässt sich treiben und entdeckt in der Stadt, die nicht nur für Soziologen ein Experimentierfeld darstellt, Alltägliches, Banales, Ungewöhnliches und Sonderbares gleichermaßen.

 

Doch der Spaziergang ist auch deshalb theoretisch, weil er Theorien in den Blick nimmt bzw. Theorien illustriert oder auch von Theorien illustriert wird. Jede Station kann mit einer oder gleich mehreren Theorien oder Autoren in Verbindung gebracht werden, die für die Soziologie von Bedeutung sind. Diesen Bilderrätseln kann der Betrachter spielerisch nachgehen, indem er seinen eigenen Assoziationen freien Lauf lässt. Die Assoziationen – damit immer auch: Interpretationen –, die in dieser Edition angeboten werden, können am Ende über die jeweilige Nummer nachgelesen werden. Dabei gibt es eine Assoziationsebene in der kurzen Beschreibung, eine in der gelieferten Referenz und weitere auf der reinen Bildebene: Was kann man sehen? Was hat man davor entdecken können und was kommt danach? Andere Assoziationen bleiben gänzlich verdeckt und spekulativ.

 

Die technische Reproduzierbarkeit. Bemerkungen zur Fotografie

 

Die Analogieschlüsse zwischen Bild und Text sind auch analoge Schüsse, insofern es sich um Fotografien handelt, die in einem nunmehr "alten", damit aber auch "klassisch" zu nennenden Verfahren entstanden sind: nämlich analog. Diskutierten und diskutieren die meisten Theorien zur technischen Reproduzierbarkeit von Bildern die Differenz zwischen Original und Abbild, schiebt sich hier – indem die analogen Fotografien noch einmal digital abgelichtet worden sind – eine Differänz dazwischen, die die technische Reproduzierbarkeit der Stadtbilder ad absurdum führt. Das Foto vom Foto verschiebt den ursprünglich gemeinten Sinn immer weiter – wohin? Immer weiter weg, also ins Theoretische.

 

Analog dazu unterläuft auch Theoretikern nicht selten ein Abdriften ins Theoretische, hin zu einem Grad von Abstraktion, der gerade bei Fragen zur Gesellschaft das Einbeziehen von Letzterer vermissen lässt. Wo bleiben die Menschen? Sind sie nicht der eigentliche, ursprüngliche Sinn von soziologischen Theorien? Auf diese Weise erklären sich auch die ausgewählten Bildausschnitte des Stadtspaziergängers: Da alles theoretisch ist, ist auch sein Blick abstrakt und sieht vom Menschen ab.

 

Visualisierungsstrategien in der Wissenschaft. Konstruktionen von Wirklichkeit?

 

Ohne Zweifel ist das Verhältnis von Bildern und Texten ein problematisches, prekäres und ungeklärtes. Selbst in jenen Fällen, in denen kurze Texte als Bildunterschriften fungieren oder Bilder einen Text im wahrsten Sinne des Wortes be-bildern sollen, bleibt die Stringenz der Übersetzungsleistung fragwürdig. Das gilt auch für die dokumentarische Fotografie, bei der das gewählte Medium (das Foto als Vermittler zwischen Hier und Dort, zwischen Jetzt und Damals) die Faktizität des Dargestellten dennoch infrage stellt. Dieser Zweifel an der Realität wächst exponentiell bei Visualisierungen an, die per se als Assoziationen und eben nicht als Dokumentationen zu verstehen sind. Der fotografierte Stadtspaziergang kann demnach auch ein Spaziergang sein, der erst durch die Fotografien zustande kommen konnte. Fotografien können eine ganze Wirklichkeit konstruieren und die vorliegende Bildauswahl erschafft womöglich eine Wirklichkeit von Sozialtheorien, die es gar nicht gibt. Dann begleiten die Textassoziationen nicht mehr den Weg durch die Stadt, sondern führen in die Irre. Da manche soziologische Theorien aber ebenfalls genau das tun, beschreiben die Texte die Bilder möglicherweise besser als gedacht.

 

Also noch einmal: Illustrieren, visualisieren die Fotografien die Textbezüge oder die Textbezüge die Fotografien? Was war zuerst da? Worauf soll das Augenmerk gerichtet werden? Die Antworten auf diese Fragen bleiben unscharf konturiert. Man sollte den umgekehrten Weg gehen und nicht nach der Hierarchisierung von Bildern und Texten fragen, sondern sie als auf horizontaler Ebene vernetzt sehen. In diesem Falle kämpfen Fotografie und Textbezug nicht um Aufmerksamkeit, sondern potenzieren sich gegenseitig. Zum Beispiel lassen sie gemeinsam erkennen, dass komplexe Theorien, die sich bei der Lektüre als alltagsfern erweisen, im Alltag durchaus Konkretisierungen erfahren, die in den ausgewählten Fotografien festgehalten sind.

 

KUNST. SOZIOLOGIE

 

Schließlich wäre zu fragen, ob diese als "Kunstprojekt" deklarierte Edition soziologische Kunst ist oder künstlerische Soziologie oder vielmehr eine Form von Kunstsoziologie oder nur so eine Idee.

 

Es wäre zumindest zu klären, wie zwei Soziologen auf ein Kunstprojekt kommen. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass es namhafte fotografierende Vorläufer wie Bourdieu und Baudrillard gibt, dass wir beide über Kunst und Künstler promoviert haben und Wolfgang Eßbach unser akademischer Ziehvater ist, versteht sich das: von selbst.

 

Dagmar Danko & Max Orlich, Februar 2010

 

(Die Photographien finden Sie hier.)

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