La Poésie des Murs

Max Orlich

Photographie / Soziologie / Journalismus

 

La Poésie des Murs - Wortwände in Lyon

"Da kann ich ja genau so gut mit einer Wand sprechen", sagt man immer so schön, wenn man sich unerhört ungehört wähnt. Doch die Wände hören viel mehr als gemeinhin angenommen wird und sie haben vor allem mehr zu erzählen. Hören wir also mit den Augen, folgen einem Gespräch zu Fuß, lassen die Intonation den Berg hinauf steigen und machen nach dem Abstieg am Fluss einen Punkt hinter den Wortfluss.

 

Wie ein Stadtführer wirken die Wortwände als Ergänzung zur Spectorschen Wall of Sound. Sie leiten einen, lassen einen immer tiefer und weiter ins Territorium eindringen, schleusen einen durch Innenhöfe, locken um Ecken und öffnen sich über Stadtpanoramen. Eine delirierende, literierende dérive.

 

No Lie! Keine Lüge in Lyon. Dafür aber eine Vielzahl von Sätzen, Fragen, Aufforderungen, Fragmenten, Parolen, Wortbildern, die einen Sound transportieren und am Leben halten, der vor gut vierzig Jahren schon die Wände der französischen Hauptstadt zierten. Egal ob simpler Pinselstrich oder Edding, ob Schablonengrafik oder aufwendiges Paste-Up: Stets scheint die Revolution unmittelbar bevorzustehen. Oder zumindest eilt ihr ihr Ruf voraus. Als Aufruf.

 

Verneigen wir uns mit Vaneigem also auch vor dem letzten Zettelchen an der Wand. Hinter ihr liegt der Strand.

 

(Die Photographien finden Sie hier.)

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