Soziologie

Max Orlich

Photographie / Soziologie / Journalismus

Soziologie

Meine Forschungsschwerpunkte und Forschungsinteressen innerhalb der Soziologie lassen sich zunächst dem Feld der Kunst- und Kultursoziologie zuschreiben.

 

Einen besonderen Fokus habe ich dabei auf die Erforschung der verschiedenen Ausprägungen und der Entwicklung des Phänomens der Künstler- oder Intellektuellengruppen im 20. Jahrhundert gelegt. Sei es bei Arbeiten zu Dada oder dem Surrealismus, den frühen englischen Punks oder auch zur Situationistischen Internationale - stets ging es dabei darum, das spannungsreiche Wechselverhältnis, den Wettlauf zwischen Avantgarde und Gesellschaft aber auch denjenigen zwischen den verschiedenen Gruppen der Avantgarde verständlich zu machen und die jeweilige gesellschaftliche Bedeutung herauszuarbeiten.

 

Die ausgeprägte Diskussionsfreude - um nicht zu sagen Streitlust - dieser gesellschaftlichen Sphäre hat mich in der Folge zu einer genaueren Auseinandersetzung mit dem sozialen Kommunikationsmodell des Streits geführt bzw. zu der Feststellung, dass eine Soziologie des Streits anders als die Konfliktsoziologie noch in den Kinderschuhen zu stecken scheint und weiter auszuarbeiten sein wird. Einen umfassenden Schritt in Richtung einer zumindest impliziten Soziologie des Streits habe ich in meiner Dissertation unternommen, die das Wechselspiel zwischen Freundschaft, Streit, Gruppenprozessen, gemeinsamer Theorieproduktion und Praxis in der Situationistischen Internationale in den Mittelpunkt gestellt hat und die im Frühjahr 2011 erscheinen wird.

 

Eine weitere Frage, auf die mich das weite Themenfeld der Avantgarde geführt hat, ist die der jeweils zur Verbreitung der eigenen Position zum Einsatz kommenden Medien. Hier rückt mein kultursoziologischer Zugriff in die Nähe medientheoretischer Forschungen; zum Beispiel bei filmsoziologisch argumentierenden Überlegungen zum Verhältnis von Avantgardefilm und Musikvideo oder auch bei komparativen Untersuchungen der PR-Strategie der Sex Pistols und dem Vorgehen der Dadaisten oder der Situationisten.

 

Gegenwärtig interessiere ich mich - neben einigen Nacharbeiten zum Themenfeld der Künstlergruppen und ihrer visuellen Strategien sowie zur Frage der Appropriation in Kunst und Literatur - vor allem für das Forschungsfeld der Stadt. Dies ist zum einen sehr anschlußfähig an meine bisherigen Arbeiten - war und ist doch Avantgarde fast grundsätzlich ein explizit urbanes Phänomen und hat verschiedenste Fragen des urbanen Lebens auch stets thematisiert - und eröffnet zugleich sehr viel und sehr spannendes Neuland. Im Kern geht es mir um die Stadt als Ort von Gegensätzlichem, an dem Alltägliches auf Außergewöhnliches trifft, Entscheidungen "von oben" auf Initiativen "von unten"; um die Stadt als Menschenmagnet, die so mittlerweile zum Ort des Alltagslebens der Mehrheit der Menschheit geworden ist.

 

Dabei geht es mir vor allem darum - nicht zuletzt vor dem Hintergrund meiner eigenen photographischen Arbeit - einen visuellen Zugriff auf den Themenkomplex Stadt-Raum zu entwickeln, der die üblichen theoretischen und empirischen soziologischen Zugriffe ergänzt um eine Art Archäologie der Gegenwart, eine Sozio-(Photo)-Ethnografie des städtischen Raums, die zum Ziel hat, die Funktionsmuster, die Probleme, die Veränderungen, die Kommunikationsstrukturen innerhalb des städtischen Geflechts zu entdecken und sichtbar zu machen und so einen Blick auf die Stadt der Zukunft entwickeln zu können. Eine visuelle Soziologie, der man ein Wort von Jules Verne voranstellen könnte:

 

"Schau mit beiden Augen, schau."

Max Orlich 2016 © All Rights Reserved